Barrierefreiheit für Redakteure

Online-Redaktion – eine große Verantwortung

Online-Redakteure (und Redakteurinnen) sind für die Erstellung, Organisation und Aufbereitung von Inhalten im Internet verantwortlich. Dabei liefern Online-Redakteure nicht nur textliche Inhalte, sondern auch Video-, Bild- und Grafikmaterial (inklusive der Alternativen), tabellarische Daten, PDF-Dokumente und dergleichen mehr. Auch der Einsatz von Übersprung-Ankern auf langen Textseiten, die sinnvolle Zusammenstellung von Linklisten und Downloads im Kontext oder die Verwendung von Technologien zur Aufteilung von Inhalten, wie etwa Akkordeons oder Reiternavigationen gehören dazu. Redakteure entscheiden auch über die Organisation von Inhalten durch die Anordnung, Reihenfolge und Benennung in der Navigation. Die Arbeit der Redakteure beeinflusst zudem durch semantische Auszeichnung, Verlinkung, Verschlagwortung und Befüllung der notwendigen Meta-Angaben die Auffindbarkeit von Informationen in internen und externen Suchmaschinen. Auch die Ladezeiten einer Seite können von Redakteuren mit gesteuert werden. In fast allen Bereichen fallen Aufgaben an, die die Barrierefreiheit beeinflussen – und das über viele Jahre (bis zum nächsten Relaunch). Redakteure sind somit eine wichtige Säule, um Barrierefreiheit und eine positive User-Experience langfristig sicherzustellen.

Auch Accessibility-Tests gehören dazu

Neben der Erstellung von barrierefreien Inhalten liegt ein weiterer Schwerpunkt der Online-Redaktion auf den Bereichen Qualitätssicherung und Accessibility-Testing. Barrierefreiheit sollte nicht nur einer externen, ausführenden Agentur überlassen werden, sondern gelebte Kultur sein. Erst wenn alle Beteiligten das Thema verinnerlicht haben, können Sie langfristig Barrierefreiheit sicherstellen. Etablieren Sie gegebenenfalls auch intern in allen Bereichen ein Vier-Augen-Prinzip, und definieren Sie einen Workflow zur ständigen Kontrolle aller veröffentlichten Komponenten in Ihrem Internetauftritt – von Texten über Bilder und Videos bis hin zu PDF-Dokumenten. Dies wird in Zukunft noch wichtiger, denn mit der EU-Richtlinie 2102/2016 steht eine Dokumentationspflicht ins Haus, die vermutlich ebenfalls Redakteure betreuen müssen.

Testen, Testen und nochmal Testen

Redakteure müssen über das Know-how verfügen, um die Arbeit von Programmierern, Webentwicklern und Designern beurteilen und abnehmen zu können. Ohne einen barrierefreien Unterbau ist alle Mühe der Online-Redaktion ansonsten vergebens. Barrierefreiheit im Internet ist oft technisch. Deshalb gibt es Testwerkzeuge, die sich besonders an Nicht-Experten wenden. Trotzdem können Sie Barrieren am besten identifizieren, wenn Sie Webtechnologien vom Grundsatz her verstehen. Auf der Seite banu.bund.de hat der Bund eine Online-Anwendung zur Prüfung von E-Government-Angeboten bereitgestellt. Unter dem Claim „Barrieren finden, Nutzbarkeit sichern“ wurden auf der Plattform Qualitätskriterien für Barrierefreiheit und Usability zusammengeführt. Sie können sich auf der Plattform ein Benutzerkonto anlegen und anhand eines vorgegebenen Prüfkatalogs beurteilen, wie Ihr Angebot einzuordnen ist. BaNu unterstützt Sie aber nicht nur bei der Bewertung von Internetangeboten, sondern auch bei der Überprüfung von PDF-Dokumenten und Software-Anwendungen. Ergänzend empfiehlt sich die Quick Reference der WCAG. Diese gibt es zwar nur auf Englisch, aber dafür ist sie für unterschiedliche Aufgabenbereiche konfigurierbar, zum Beispiel für die Arbeit von Online-Redakteuren:
https://www.w3.org/WAI/WCAG20/quickref.

Schreib-Einmaleins

Anforderungen für Sprache tauchen in den Richtlinien für Barrierefreiheit nur am Rande auf. In den WCAG 2.0 gilt das Sprachniveau des „Lower Secondary Education Level“ als Referenz. Für die BITV 2.0 wurde das aufgrund des deutschen dreigliedrigen Schulsystems nicht übernommen. Dort steht nur, dass die klarste und einfachste Sprache zu verwenden ist (die angemessen ist). Eine Formulierung, die noch aus der BITV 1.0 stammt (Bedingung 14.1). Mit der EU-Richtlinie 2102 wird das Thema aber möglicherweise wieder aufkommen.

Ein paar einfach Regeln

Einfache Sprache ist die Basis guter Kommunikation. Sie reduziert Missverständnisse und spart dadurch Zeit und Geld. Dort, wo Fachbegriffe, Fremdworte und Abkürzungen nicht vermeidbar sind, können sie durch ein Glossar erklärt werden. Halten Sie sich an folgende Regeln haben Sie in Bezug auf eine leichter verständliche Sprache schon viel erreicht:

  • Vermeiden Sie Floskeln und Füllwörter
  • Meiden Sie Abkürzungen, oder erklären Sie sie
  • Benutzen Sie Aktiv statt Passiv
  • Verwenden Sie Verben, und häufen Sie keine Substantive an (Nominalstil vermeiden)
  • Vermeiden Sie doppelte Verneinungen (nicht … keine)
  • Verwenden Sie keine mehrteiligen Wortungetüme
  • Vermeiden Sie Anglizismen und Neologismen
  • Schreiben Sie kurze Sätze
  • Unterteilen Sie Texte mit Zwischenüberschriften
  • Nutzen Sie Absätze zur Strukturierung Ihrer Texte
  • Verwenden Sie nicht zu viele Nebensätze
  • Veranschaulichen Sie schwierige Sachverhalte durch
  • Abbildungen, Beispiele und Analogien

Beachten Sie, dass auch Redewendungen, Metaphern und eine bildhafte Sprache für Menschen mit Lernschwierigkeiten und für Menschen, die aus einem anderen Sprachraum kommen, eine Barriere darstellen können. Die klarste und einfachste Sprache ist nur eine Empfehlung der offiziellen Richtlinien. Einen echten Prüfschritt gibt es dafür nicht. Lediglich die Kennzeichnung von fremdsprachigen Wörtern, Absätzen und die Auszeichnung von Abkürzungen kann geprüft werden. Die Auszeichnung von Abkürzungen ist nur Bestandteil der WCAG 2.0 – Level AAA und der BITV 2.0 – Priorität II. Da Abkürzungen aber durch Redakteure leicht ausgezeichnet werden können, sollten Sie das auch tun.

Semantik und Maschinenlesbarkeit

Semantik ist unsichtbar, aber das Salz in der Suppe der Barrierefreiheit. Neben Überschriften, Datentabellen, Listen und dergleichen mehr können Sie auch Zitate, Adressen oder auch Abkürzungen maschinenlesbar auszeichnen. Auch die Erstellung von Textalternativen für Bild- und Videomaterial hat mit Maschinenlesbarkeit zu tun. In diesem Bereich werden die meisten Fehler gemacht.

Fazit

Dieser Artikel ist ein kurzer Auszug aus dem Buch „Barrierefreiheit im Internet – eine Anleitung für Redakteure und Entscheider“. In einem ausführlichen Praxisteil können gestandene oder angehende Redakteure lernen, welche Aspekte der Barrierefreiheit sie positiv oder negativ beeinflussen können, und was genau im jeweiligen Fall zu tun ist – von A wie Alternativtexte bis Z wie Zitate korrekt auszeichnen.

Das Buch behandelt das Thema Barrierefreiheit im Internet für Redakteure ganzheitlich. Es ist kein Buch, das sich nur an BITV-Richtlinien entlanghangelt. Die BITV-Richtlinien und die WCAG-Richtlinien beinhalten zum einen nur Kriterien für Menschen mit Behinderung, zum anderen enthalten sie nicht alle Kriterien für alle Behinderungsarten in gleicher Verteilung, bzw. sie repräsentieren manche Behinderungsarten mehr als andere.

(Nachtrag) BITV-Test Update

Seit Anfang 2019 wartet der BITV-Test von BIK mit einem neuen Bewertungssystem auf. Um eine größere Nähe zur WCAG herzustellen, werden nur noch die Richtlinien-Bewertungen „erfüllt“ und „eher erfüllt“ als Richtlinien konform „durchgewunken“. Das bedeutet, dass die Fehlertoleranz in der Bewertung der Barrierefreiheit deutlich gesunken ist. Damit tragen Redakteure eine viel größere Verantwortung für Barrierefreiheit, als das in der Vergangenheit der Fall war.

Jörg Morsbach, Diplomdesigner und Kommunikationswirt (WAK), betreibt bereits seit 2003 die Düsseldorfer Agentur anatom5 und macht sich aus Überzeugung für universelles Design und einen weit reichenden Inklusionsgedanken stark. anatom5 wurde vielfach für Barrierefreiheit ausgezeichnet. Seit Anfang 2017 ist Jörg Morsbach  zugelassener Erstprüfer des BITV-Test (BIK-Test). Sein heimliches Steckenpferd ist die Suchmaschinenoptimierung.

Zum Portfolio von anatom5 gehören Internetauftritte und Webapps ebenso, wie barrierefreie PDF-Dokumente und Übersetzungen in leichte Sprache. Zudem hat anatom5 mit dem Barriere-Check Pro ein Testverfahren entwickelt, das auch WCAG-Empfehlungen, Best-Practice Lösungen, Aspekte der Usability und Performance sowie BITV-Anforderungen der Priorität 2 berücksichtigt.

Sein Credo lautet:

Ohne Screenreader-Tests und Analysen im Detail ist Testen mit automatisierte Testtools nur das sprichwörtliche „Fischen im Trüben“.