Menschen mit Behinderung testen Barrierefreiheit und Usability

In den spezifischen Nutzungsweisen von Menschen mit Behinderungen, also beispielsweise mittels Screenreader, Zoomvergrößerung oder Sprachsteuerung, kommt es häufig zu Schwierigkeiten, die sowohl die Barrierefreiheit als auch die Gebrauchstauglichkeit (Usability) eines Angebots betreffen. Hier setzt das neue Projekt des Hamburger Forschungs- und Dienstleistungsunternehmens DIAS an: „Team Usability“ wird vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert, um die Zugänglichkeit von Webangeboten voranzubringen. Das Projekt läuft bis Mai 2022 und entwickelt Verfahren, bei denen Menschen mit Behinderungen die Nutzbarkeit von Webangeboten testen. Dafür werden im Projekt verschiedene Testszenarien erprobt und analysiert. Die Ergebnisse des Projekts werden als Leitfäden und Praxisbeispiele auf der Webseite team-usability.de veröffentlicht – als Handwerkszeug für Unternehmen und Verwaltungen, die eine Einbeziehung von Testern mit Behinderungen planen.
Junger Mann im Rollstuhl und Smartphone in der Hand

Was macht Team Usability?

Im Team mit Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten und Einschränkungen entwickeln wir im Projekt zwei unterschiedliche Prüfverfahren, mit denen Menschen mit Behinderungen die Usability und Barrierefreiheit von Angeboten testen können: den Usability-Test und den Praxis-Test. Für beide Forschungsschwerpunkte will das Projekt Arbeitsabläufe und unterstützende Werkzeuge entwickeln, die Anderen bei der Durchführung solcher Tests helfen sollen.

Was genau ist im Bereich „Usability-Tests“ geplant?

Klassische Usability-Tests orientieren sich in der Regel an Durchschnittsnutzern ohne besondere Einschränkungen. Usability-Probleme von Menschen mit Einschränkungen bleiben dadurch unberücksichtigt. Das wollen wir mit dem Usability-Test ändern: Wir wollen ein Verfahren entwickeln, das die sehr unterschiedlichen Nutzungsweisen von Menschen mit Behinderungen erfassen kann.

Wie gehen wir hier praktisch vor?

Im Moment erproben wir zum Beispiel mit zwei Agenturen, die bei der Entwicklung ihrer Webangebote bisher nur klassisches Usability-Testing machen, Tests mit Menschen mit verschiedenen Behinderungen. Dafür bauen wir aktuell einen Pool von Testpersonen mit Behinderungen auf – so etwas gibt es bisher noch gar nicht – und erarbeiten gemeinsam mit den UX-Experten der Agenturen die Testformate. Die erste Erprobung ist für Juni 2019 geplant: Voraussichtlich drei bis vier Testpersonen werden – begleitet von einem Testleiter der Agentur – alltägliche Online-Aufgaben in ihrer individuellen Nutzungsweise durchführen, zum Beispiel einen Online-Registrierungsprozess. Wir unterstützen, begleiten und analysieren die Erprobung über den gesamten Durchführungsprozess, also von der Probandensuche bis zur Auswertung. Wir wollen Empfehlungen erarbeiten, von denen andere Unternehmen, die Ähnliches vorhaben, lernen können.

Und welche Ziele verfolgen wir mit dem Praxis-Test?

Im Praxis-Test prüfen Experten mit Behinderungen Angebote auf der Basis von Standard-Anforderungen – wie die der Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) oder der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV) – aber in ihrer spezifischen Nutzungsweise. Andere im Team ergänzen Aspekte, die einzelne Prüfer behinderungsbedingt nicht prüfen können. So soll ein valides Testergebnis entstehen.

Wie sieht das konkret aus?

Zum einen sammeln wir gerade, wie Experten mit Behinderungen bereits jetzt Barrierefreiheit testen und veröffentlichen dazu Fallstudien. Zum anderen erproben wir Praxis-Tests in verschiedenen Teams: Gerade prüft zum Beispiel unser blinder Kollege, wie weit er per Screenreader mit dem BITV-Test kommt. Die Anforderungen, die er nicht bewerten kann, ergänzt seine sehende Assistenz. Wir sind gespannt, auf die zusammengefügten Ergebnisse.

In einem anderen Pilotvorhaben wollen wir gemeinsam mit der Elbe-Werkstätten GmbH ausloten, ob die Überprüfung der Barrierefreiheit und Nutzbarkeit von IT-Angeboten für Menschen mit psychischen Erkrankungen ein geeignetes Berufsfeld sein kann. Wie kann die Qualifizierung in einer Gruppe aussehen, deren Teilnehmer höchst unterschiedliche Einschränkungen haben? Wie können sinnvolle und produktive Arbeitsabläufe im Team aussehen? Welchen Unterstützungsbedarf gibt es hier, wie kann die Qualität einer Prüfung wirksam gesichert werden?

Wer steht hinter dem Projekt?

Durchgeführt wird das Projekt von der DIAS GmbH, einem kleinen Hamburger Forschungs- und Dienstleistungsunternehmen mit den Schwerpunkten Barrierefreiheit und Inklusion. Seit rund 20 Jahren entwickeln wir Unterstützungsangebote zum Aufbau einer barrierefreien Arbeitswelt, beispielsweise testen wir Webangebote auf ihre Barrierefreiheit – bestimmt kennen uns einige durch den BIK BITV-Test. Aus unseren früheren Projekten INCOBS und COMPARE wissen wir, wie ergebnisreich und eindrucksvoll das Testen mit Menschen mit Behinderungen für das Verständnis von barrierefreiem, gut nutzbarem Webdesign ist.

Weitere Informationen zum aktuellen Projekt Team Usability unter team-usability.de.

Diplom-Verwaltungswissenschaftlerin Simone Lerche ist seit 2013 bei der DIAS GmbH tätig und im Projekt „Team Usability“ für das Projekt- und Netzwerkmanagement, die Entwicklung von Methoden und Umsetzungshilfen sowie die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Zuvor war sie in den Projekten BIK für Alle und hörkomm.de aktiv