Zusammenfassung
Digitale Barrierefreiheit ist längst gesetzlich gefordert – und doch oft noch Neuland. Mit dem Projekt „Trainer mit Perspektive“ qualifiziert das ChancenWerk der Pfennigparade Menschen mit Behinderung zu digitalen Experten in eigener Sache. Pünktlich zum Stichtag des BFSG stehen sie als TrainerInnen bereit, um interessierten Mitarbeitenden des öffentlichen und privaten Sektors digitale Barrierefreiheit näherzubringen – praxisnah und auf Augenhöhe.

„Die digitale Barrierefreiheit ist für uns ein ganz neues Thema, bei dem wir jetzt besser werden möchten.“ Diese und ähnliche Sätze hören wir von den Teilnehmenden unserer Schulungsangebote nach wie vor regelmäßig. Ganz unabhängig davon, ob sie aus dem öffentlichen oder privatwirtschaftlichen Sektor kommen.
Eine bedenkenswerte Aussage, da die digitale Barrierefreiheit für beide Zielgruppen kein Novum mehr sein dürfte: Öffentliche Stellen sind bereits seit 2016 mit der Richtlinie (EU) 2016/2102 zur barrierefreien Bereitstellung ihrer Web- und App-Angebote verpflichtet. Und mit dem im Jahr 2021 verabschiedeten Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) war nun auch der freien Wirtschaft bekannt, welche Dienstleistungen und Produkte ab dem 28. Juni 2025 barrierefrei zugänglich sein müssen.
Werkstattmitarbeitende als ExpertInnen in eigener Sache
Wir vom ChancenWerk der Pfennigparade, einer Tochtergesellschaft der Stiftung Pfennigparade und anerkannte Werkstatt für Menschen mit Körperbehinderung, haben es uns unter anderem zur Aufgabe gemacht, die digitale Barrierefreiheit voranzutreiben. Denn unsere Werkstattmitarbeitenden sind Teil der rund 13 Millionen Menschen in Deutschland – was gut 15 Prozent der Landesbevölkerung entspricht – die über eine Behinderung oder Beeinträchtigung verfügen. Sie sind auf besondere Maßnahmen und Hilfestellungen im Netz angewiesen, um an der digitalen Welt teilhaben zu können.
Im Bereich des Medienservice vom ChancenWerk prüfen Werkstattmitarbeitende beispielsweise Websites auf ihre Zugänglichkeit und Usability, sensibilisieren unsere KundInnen für unterschiedliche Einschränkungsarten und vermitteln ihnen die nötigen digitalen Kompetenzen, um in ihren eigenen Verwaltungen, Unternehmen oder Organisationen mehr digitale Zugänglichkeit zu schaffen. Sie treten so als Expertinnen und Experten in eigener Sache auf, wodurch unsere KundInnen deutlich vor Augen geführt bekommen, warum Barrierefreiheit kein Nice-to-have sondern ein Must-have ist.
„Trainer mit Perspektive“ – ein inklusives Qualifizierungsprojekt für mehr digitale Barrierefreiheit
Damit wir künftig noch mehr Menschen aus öffentlichen Stellen, Wirtschaftsunternehmen und NGOs im Bereich der digitalen Barrierefreiheit schulen können, qualifizieren wir derzeit intern weitere Werkstattmitarbeitende. Seit März dieses Jahres nehmen rund 70 unserer Mitarbeitenden mit Einschränkungen an den Qualifizierungskursen im Rahmen des dafür initiierten Projektes „Trainer mit Perspektive“ teil.
Ursprünglich steckten wir uns bei diesem von Google finanzierten Projekt das Ziel, 45 Werkstattmitarbeitende zu potenziellen TrainerInnen auszubilden. Die weitaus höhere Resonanz führte uns einerseits vor Augen, wie groß auch intern das Interesse an den Themen der digitalen Barrierefreiheit ist und andererseits, wie wichtig es unseren Werkstattmitarbeitenden ist, selbst als ExpertInnen vor unseren Kundinnen und Kunden aufzutreten.
Ab Juni 2025: Start des Schulungsangebots der neuen Trainer
Mitte Juni, kurz vor Inkrafttreten des BFSG, werden alle Qualifizierungskurse von „Trainer mit Perspektive“ abgeschlossen sein. Dann sind unsere neu ausgebildeten Trainerinnen und Trainer bereit, in Tandemteams – eine unserer Fachkräfte ist immer mit dabei – interessierte Kundinnen und Kunden zu den folgenden Themen zu schulen:
- Erstellung barrierefreier Dokumente und PDFs
- Erstellung barrierefreier Multimedia
- Regeln der barrierefreien Online-Redaktion
- Behinderungsbilder und Einschränkungsarten inklusive der notwendigen assistiven Technologien und Hilfsmittel im Umgang mit der digitalen Welt
Wir möchten, dass möglichst viele Unternehmen, Verwaltungen und auch zivilgesellschaftliche Akteure von unserem erweiterten Schulungsangebot profitieren können. Daher werden wir jede Kundenanfrage individuell behandeln und die inhaltlichen Schwerpunkte sowie die Art des Formats einzeln festlegen. Unsere Spanne ist breit: Von Vorträgen über Workshops bis hin zu ganztätigen Fortbildungen ist für unsere Tandemteams alles möglich. Die Schulungsangebote werden aufgrund der körperlichen Beeinträchtigungen unserer Mitarbeitenden standardmäßig online oder vor Ort in unseren Räumlichkeiten in München durchgeführt.
Bei Interesse an einer Schulung oder weiteren Informationen zum Projekt kann sich an Herrn Markus Siller unter der folgenden E-Mail-Adresse gewendet werden: markus.siller@pfennigparade.de
Begegnung und Wissensaustausch auf Augenhöhe
Mit „Trainer mit Perspektive“ möchten wir nicht nur ein innovatives Schulungsangebot, sondern auch Raum für echte Begegnung auf Augenhöhe schaffen. Unsere Werkstattmitarbeitenden bringen ihre Perspektiven, Erfahrungen und Kompetenzen aktiv ein und setzen so ein starkes Zeichen für gelebte Inklusion. Wer Barrierefreiheit verstehen und umsetzen will, lernt am besten von denen, die tagtäglich darauf angewiesen sind und mit den unterschiedlichsten assistiven Technologien und Hilfsmitteln arbeiten. Gemeinsam lässt sich digitale Barrierefreiheit am besten umsetzen.
