In barrierefreien PDF-Dokumenten begegnen uns immer wieder komplexe Schaugrafiken. Sie sollen Daten, Prozesse oder mehrdimensionale Zusammenhänge veranschaulichen – und zwar auf einen Blick. Das ist oft gut gemeint, aber in der Umsetzung nicht selten problematisch. Denn was visuell gut funktioniert, ist nicht automatisch auch barrierefrei. Gerade komplexe Infografiken erfüllen in vielen Fällen die Anforderungen an Barrierefreiheit nicht erfüllen, selbst wenn sie mit einem Alternativtext versehen sind.
Wer gute Lösungen für barrierefreie Schaugrafiken erreichen will, muss die dargestellten Inhalte wirklich verstehen und braucht ein gutes Gespür für Struktur, Lesbarkeit und semantische Entsprechung. Zwar setzen BITV und BFSG mit dem PDF/UA Standard bzw. der EN 301549, Kapitel 10 und dem Bezug zur WCAG klare Rahmenbedingungen, trotzdem wird die Barrierefreiheit von Schaugrafiken häufig zu kurz gedacht. Ein Grund dafür könnte sein, dass sich die Barrierefreiheit von Schaugrafiken nicht automatisiert prüfen lässt. Auch nicht mit Prüftools, wie dem PDF Accessibility Checker. Oft wird daher vermutlich gar nicht geprüft, ob die Visualisierung einer Schaugrafik überhaupt zugänglich ist.
Komplexität als Stolperstein
In der Praxis zeigt sich: Je komplexer die Infografik, desto größer die Herausforderung. Das gilt insbesondere dann, wenn Texte, Linien, Farben und inhaltliche Abhängigkeiten ineinander verschachtelt sind. Bei Karten mit Flächenmarkierungen (z. B. für Hochwasser-, Sturm- oder Starkregenrisiken) lässt sich die farbliche Codierung kaum sinnvoll abbilden. Insbesondere, wenn in einer Schaugrafik eine Legende zur Erläuterung von grafischen Auszeichnungen eingesetzt wird. Und auch bei Entscheidungsdiagrammen oder mehrdimensionalen Flow-Charts, die über mehrere Ebenen verlaufen, stoßen wir mit klassischen Alternativtexten schnell an die Grenzen des sinnvoll Machbaren.
Aber nicht nur der Komplexitätsgrad vieler Schaugrafiken ist eine Herausforderung. Auch in der Gestaltung steckt der Teufel im Detail. Stickwort Lesbarkeit von Texten. Viele Schaubilder nutzen sehr kleine Schriftgrößen (meist aufgrund des begrenzten Raumes), kontrastarme Farben oder nicht gut lesbare Schriftarten. Die Empfehlungen der WCAG und der DIN 1450 zur Leserlichkeit werden dabei oft ignoriert – manchmal vielleicht aus Nachlässigkeit oder Unwissenheit, manchmal auch weil ein vorhandenes Corporate Design die Farben vorgibt. Dabei wäre es mit wenig Aufwand möglich, zumindest bei der Schriftgestaltung grundlegende Barrieren zu vermeiden. Besonders kritisch wird es auf mobilen Endgeräten, wo der verfügbare Raum ohnehin begrenzt ist und der Zoom nicht immer hilft. Beim Thema Farben gibt es neben den grundsätzlichen Kontrastanforderungen für eine ausreichend gute Lesbarkeit aber auch noch die Anforderung, dass inhaltsrelevante Farben zueinander genug Kontrast aufweisen müssen, damit farbenblinde Menschen diese auch dann noch unterscheiden können, wenn Sie Farben nicht oder anders sehen.
Bei der Gestaltung gibt es also viel zu beachten – und es geht bei weitem nicht nur um das Thema Alternativtexte. Wer Schaugrafiken barrierefrei gestalten will, muss das Thema ganzheitlich denken: visuelle Klarheit, strukturierte Inhalte, ausreichend Kontrast, farbunabhängige Darstellung, gut lesbare Beschriftungen. Erst dann stellt sich die Frage, wie Alternativtexte sinnvoll eingesetzt werden können – und ob sie in bestimmten Fällen überhaupt ausreichen.

Abbildung: Schaugrafik zur Darstellung der gesetzlichen Regelung von IT-Barrierefreiheit in Deutschland
Nicht alles muss in den Alternativtext
Ein verbreiteter Irrtum ist die Annahme, man müsse alle Inhalte einer komplexen Grafik über einen Alternativtext abdecken. Das ist in der Praxis oft schwer umsetzbar – und oft auch nicht sinnvoll. Ein Alt-Text sollte ja nicht zu lang sein und bietet daher in Bezug auf Schaugrafiken oft nur eine grobe Zusammenfassung. Sobald Inhalte stark verzweigt oder semantisch miteinander verwoben sind, stößt dieser Ansatz an seine Grenzen.
Es gibt allerdings mehrere ergänzende Techniken, um Informationen aus Schaugrafiken barrierefrei zugänglich zu machen – jenseits des reinen Alternativtextes. Eine Möglichkeit besteht darin, die zugrunde liegenden Daten in Form von Tabellen darzustellen – etwa bei Kreis-, Balken- oder Liniendiagrammen. Die strukturierte Hinterlegung von Datentabellen im Tag-Baum bietet hier eine semantische Entsprechung, die besonders für Screenreader-Nutzer*innen gut zugänglich ist.
Eine andere Technik nutzt Attachments (Anlagen) im PDF. Hierbei können zusätzliche Dateien, z. B. Excel-Tabellen, direkt im Dokument eingebettet werden. In einem kurzen Alternativtext kann auf diese Anlage verwiesen werden („Die detaillierten Daten finden Sie in Anlage XY“). Diese Methode ist allerdings wenig verbreitet – und vielen Nutzer*innen, insbesondere Menschen, die mit Screenreadern arbeiten, vermutlich gar nicht bekannt. Zudem muss man für diese Art der Alternativ-Version das PDF-Dokument verlassen, was die Usability beeinträchtigt.
Ebenfalls möglich ist es, Schaugrafiken als rein illustrative Ergänzung zu nutzen – vorausgesetzt, die zugrunde liegenden Informationen sind im umgebenden Text bereits vollständig enthalten. In solchen Fällen kann auf eine aufwändige Alternativbeschreibung verzichtet werden. Dann reicht ein kurzer, identifizierender Alternativtext nach dem Prinzip „Liniendiagramm zur Illustration der im umgebenden Text beschriebenen Entwicklung von Sturmwarnungen in Deutschland von 2000 bis 2025“
Nicht zuletzt lässt sich ein Alternativtext auch mit einer Bildunterschrift kombinieren. Das kann dabei helfen, Inhalte auf zwei Ebenen zu vermitteln: eine technische Beschreibung im Alt-Text, eine redaktionell ausformulierte Erläuterung direkt unter der Grafik. Diese Kombination ist nicht nur barrierefrei, sondern auch aus kommunikativer Sicht sinnvoll, bietet der sichtbare Text der Bildunterschrift auch anderen Nutzenden einen Mehrwert.

Abbildung: Schaugrafik zur Darstellung „Digitale Barrierefreiheit – ein Menschenrecht“
Semantische Nachbildung im Tag-Baum
Es gibt aber auch noch eine andere Lösung, zumindest für manche Schaugrafiken. Wir haben in mehreren Projekten eine andere Herangehensweise gewählt – und gute Erfahrungen damit gemacht. Statt lange Alternativtexte zu formulieren, haben wir die visuelle Struktur der Grafik vollständig semantisch im PDF abgebildet. Das bedeutet: Jede Information wird über strukturierende Elemente wie Überschriften, Absätze, Listen oder Absätze nachvollziehbar gemacht. So entsteht ein Dokument, das nicht nur formell den Anforderungen an Barrierefreiheit genügt, sondern inhaltlich wirklich zugänglich ist. Denn die semantische Bedeutung von Überschriften-Hierarchien und Listenstrukturen lässt sich weder in Excel-Anlagen noch in Alternativtexten vermitteln.
Ein zusätzlicher Vorteil: Durch diese Herangehensweise verbessert sich auch die Indizierung durch Suchmaschinen. Denn statt eines nicht indizierbaren Bildes (abgesehen vom Alternativtext) liegt echter, strukturierter Textinhalt vor, der auffindbar, durchsuchbar und maschinell interpretierbar ist.
Drei Praxisbeispiele barrierefreier Schaugrafiken
Wir haben den zuvor beschriebenen Ansatz den folgenden Infografiken durchgespielt und in PDF/UA konformen, barrierefreien PDF umgesetzt:
- „Digitale Barrierefreiheit – ein Menschenrecht“
Diese Grafik stellt die rechtlichen Rahmenbedingungen auf UN-, EU- und nationaler Ebene gegenüber – mit Unterscheidung zwischen öffentlichem und privatem Sektor. Die visuelle Logik wurde vollständig in den Tag-Baum übertragen und über strukturierte Gliederungselemente nachvollziehbar gemacht. - „Gesetzliche Regelung von IT-Barrierefreiheit“
Eine Übersicht zu BGG, BITV, BFSG, WCAG und EN 301 549 – und deren Beziehungen zueinander. Die visuelle Zuordnung wurde inhaltlich sauber gegliedert und semantisch abgebildet.
Fazit
Schaugrafiken sind nicht per se ein Problem – aber sie sind selten gut umgesetzt. Wer barrierefreie PDF-Dokumente erstellt, muss mehr tun, als Grafiken mit einem Alt-Text zu versehen. Vor allem dann, wenn es um komplexe Inhalte geht. In solchen Fällen ist die semantische Nachbildung im Tag-Baum ein gangbarer Weg und oft eine wirklich sinnvolle Lösung. Allerdings muss dann bereits in der Konzeption der Schaugrafik die semantische Struktur vorausgedacht werden. Hier wie anderswo gilt: Barrierefreiheit muss man vom Ende her denken. Es geht darum, Informationen konzeptionell so zugänglich zu machen, dass sie unabhängig vom Nutzungskontext verständlich bleiben. Das braucht Zeit, Know-how – und die Bereitschaft, Dinge ggf. anders zu denken.
PDF Beispiele
- Infografik gesetzliche Regelung IT Barrierefreiheit.pdf
- Infografik digitale Barrierefreiheit EU DE UN.pdf
