Barrierefreiheit für Menschen mit Autismus

Gestalten für Benutzer mit Autismus - Richtig und Falsch
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Jedes Jahr im April findet der von den Vereinten Nationen eingeführte Welt-Autismus-Tag statt. Grund genug das Thema Autismus im Hinblick auf die Gestaltung barrierefreier Angebote einmal genauer zu beleuchten. 2018 war das Motto des Welt-Autismus-Tages „Gemeinsam Barrieren aufbrechen für Autismus – Teilhabeschranken abbauen“. Immer mehr Internetseiten werden barrierefrei gestaltet, um Menschen mit Behinderungen die gleiche Teilhabe zu ermöglichen. Dabei denkt man an Menschen mit motorischen Einschränkungen, die auf Tastatursteuerung angewiesen sind oder Menschen mit einer starken Sehbehinderung, die Vergrößerungsmöglichkeiten nutzen oder blinde Menschen, die eine Vorlesesoftware in Kombination mit einer so genannten Braille-Zeile verwenden. Doch auf welche Barrieren stoßen Menschen auf dem Autismus-Spektrum und wo spiegelt sich dieser Bereich in den WCAG und der BITV wider?

Barrierefreiheits-Richtlinien und Autismus

Schaut man sich die Richtlinien von WCAG (Web-Accessibility-Guidelines) und BITV (Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung) genauer an, so muss man feststellen, dass der Schwerpunkt bei diesen Richtlinien auf Einschränkungen des Sehens, des Hörens und der Motorik liegt. Zumeist handelt es sich dabei um Einschränkungen, bei denen die Umsetzung der Barrierefreiheit mit technischen Hilfsmitteln überprüft werden kann. Das Autismus-Spektrum wird in den Bereich der kognitiven Behinderungen einsortiert. Dort ist es in Bezug auf die Richtlinien nur ein Syndrom unter anderen, wie zum Beispiel Einschränkungen durch neurologische Behinderungen, wie Multiple Sklerose, Epilepsie oder Dyslexie und Dyskalkulie. All diese unterschiedlichen Behinderungen haben oftmals mit unterschiedlichen Barrieren zu kämpfen und müssen differenziert betrachtet werden. Menschen mit Autismus haben mit Barrieren zu kämpfen, die manchmal bereits durch Design- und Konzeptionsfehler hervorgerufen werden. Hier können häufig Barrieren schon durch frühzeitige Berücksichtigung verhindert werden.
Welche Möglichkeiten gibt es aber nun, um Menschen auf dem Autismus-Spektrum den Zugriff auf Webseiten so barrierefrei wie möglich zu gestalten? Mit welchen Barrieren haben Menschen auf dem Autismus-Spektrum überhaupt zu kämpfen? Wir haben jemanden gefragt, der weiß, wovon er spricht.

Erfahrungen von Hannah Rosenblatt

Wer tagtäglich mit Barrierefreiheit zu tun hat, hat bereits eine gute Vorstellung davon, mit welchen individuellen Barrieren Menschen zu kämpfen haben und was es bei der Umsetzung barrierefreier Webseiten zu berücksichtigen gilt. Doch mit welchen Barrieren oder Hürden haben nun Menschen mit Autismus zu kämpfen? Sei es bei der Nutzung von Internetseiten, Apps, Broschüren oder auch Gebrauchsanweisungen. Frau Rosenblatt war so freundlich und hat Licht ins Dunkel gebracht.

Werbung ist Reizüberflutung

Auch wenn Werbung zum Thema passt, sie ist nicht Teil des Inhalts und strengt daher sehr an. Grund dafür ist der Reizfilter von Menschen auf dem Autismus-Spektrum. Neurotypische Menschen können irrelevante Informationen unbewusst ausblenden – für Menschen auf dem Autismus-Spektrum ist das oft eine aktive Tätigkeit im Sinne von bewusster Konzentration.

Audio und Video mit Autoplay erschweren die Nutzung

Animationen, Videos und Musik, die man nicht deaktivieren kann, machen eine Nutzung unmöglich, da sie Menschen auf dem Autismus-Spektrum letztendlich überreizen oder überanstrengen können.

Je schlichter desto besser

Zu viele Fotos, zu viele und unterschiedliche Typo-Elemente überreizen ebenfalls. Je „anregender“ eine Internetseite gestaltet ist, desto unmöglicher wird es für Menschen auf dem Autismus-Spektrum, sie zu nutzen. Je schlichter, desto besser.

Informationen ohne Zuordnung

Komplexe Layouts und Informationen, die sich über mehrere Ebenen und/oder Spalten präsentieren sind als zusammengehörige Informationsblöcke oft nur schwer zu identifizieren. Offene Flächen machen eine Zuordnung häufig noch schwieriger. Es kann schon hilfreich sein, wenn Informationen innerhalb von dünnen Rahmen stehen oder durch Linien voneinander getrennt werden. Besonders wenn Zahlen und Buchstaben gemischt in einem Text stehen. Ein Beispiel: Schwierig wird es, wenn auf einer Webseite Anschrift, Öffnungszeiten und das Kontaktformular direkt nebeneinander in drei Spalten angelegt sind – ohne sichtbare Trennung. Wenn solche Informationen nicht gut voneinander abgegrenzt sind, haben Menschen auf dem Autismus-Spektrum große Probleme solche Blöcke einzeln wahrzunehmen und zu verstehen. Ein klares Design kann hier bereits viele Barrieren reduzieren.

Ähnlich ist das auch mit Überschriften. Zwischenüberschriften müssen zwingend etwas mit dem nachfolgenden Textblock zu tun haben. Ansonsten werden Zwischenüberschriften eher als störende Elemente wahrgenommen, die ebenfalls schlecht zugeordnet werden können.

Klare Worte

Viele Menschen auf dem Autismus-Spektrum haben Schwierigkeiten, Ironie und Sarkasmus zu verstehen, auch in der geschriebenen Form. Sie können zwar erkennen, wenn etwas ironisch ist oder jemand etwas sarkastisch ausdrückt, aber der Kontext lässt sich nicht herstellen. Für Menschen auf dem Autismus-Spektrum ist oft einfach nicht deutlich, warum diese Form gewählt wurde, um etwas auszudrücken oder was das Ziel der Ironie ist. Aus diesem Grund sind konzeptionelle Ansätze, wie beispielsweise Gamification für manche Menschen auf dem Autismus-Spektrum kontraproduktiv.

Intuitive Navigation

Menschen auf dem Autismus-Spektrum denken in der Regel sehr konkret. Wenn man eine Frage hat, dann sucht man nach dem Wort „Frage“ (oder einem entsprechendem Icon) – nicht aber nach dem Wort „Hilfe“. Deshalb funktionieren Apps gut, die konkret fragen, was man im nächsten Schritt machen möchte. Die Benennung von Navigationselementen, Buttons und dergleichen mehr müssen einfach Sinn ergeben. Beispiel „Sonstiges“: Oftmals befindet sich unter „Sonstiges“ nur das Kontaktformular, was aber für viele Menschen auf dem Autismus-Spektrum keine klare und vor allem konkrete Benennung ist. Hier können Redakteure noch sehr viel für Menschen auf dem Autismus-Spektrum tun.

Probleme, Barrieren und Hilfen

Im deutschsprachigen Raum sind drei Diagnosearten des Autismus gebräuchlich: Der frühkindliche Autismus, der atypische Autismus und das Asperger-Syndrom. Seit 2013 sind diese Einzelkategorien unter dem Oberbegriff Autismus-Spektrum-Störung (ASS) zusammengefasst. Das Autismus-Spektrum kennzeichnet mehr oder weniger große Probleme in vier Bereichen (de.wikipedia.org/wiki/Autismus):

  • Kommunikation
  • Soziale Interaktion
  • Stereotype Verhaltensweisen
  • Motorik und Sensorik

Bei Webseiten und Apps ist die Motorik für manche Menschen auf dem Autismus-Spektrum eine große Herausforderung. Bei Frau Rosenblatt wird die Motorik zum Beispiel immer dann zum Problem, wenn sie sensorisch überreizt ist. Natürlich stehen die Schilderungen von Frau Rosenblatt nicht exemplarisch für alle Menschen mit Autismus. Die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung umfasst Menschen mit sehr unterschiedlichen Fähigkeiten und Symptomausprägungen. Menschen mit Autismus erleben ihre Umwelt sehr unterschiedlich und stoßen daher auch auf ganz unterschiedliche Barrieren.

In den Richtlinien für Barrierefreiheit findet sich wenig Konkretes zum Thema Autismus-Spektrum. Trotzdem lassen sich Anforderungen auf diese Art der kognitiven Einschränkung anwenden. Wie wir aus der persönlichen Erfahrung von Frau Rosenblatt gelernt haben, haben auch Menschen mit Autismus mit zahlreichen Barrieren zu kämpfen. Es gibt aber durchaus Empfehlungen in den offiziellen Richtlinien, die sich auf das Autismus-Spektrum anwenden lassen und dabei helfen Barrieren abzubauen.

  • Konsistente Navigation: Die Navigation und das Layout sollten über den gesamten Internetauftritt hinweg konsistent sein
  • Erwartungskonforme Funktionen: Gleiche oder ähnliche Aktionen auf Funktionselementen der Benutzeroberfläche müssen zu gleichen Ergebnissen führen
  • Webseiten müssen skalierbar sein und auch dann noch funktionieren, wenn Bilder und CSS abgeschaltet werden, denn Menschen auf dem Autismus-Spektrum erhalten so ein linearisiertes und vereinfachtes Layout
  • Überschriften sollten den Inhalt strukturieren
  • Inhalte sollten in einer möglichst einfachen Sprache formuliert sein und Erklärungen für nicht standardmäßige Begriffe wie Idiome, Jargon, Abkürzungen und Akronyme enthalten
  • Korrekte Grammatik und Rechtschreibung sind wichtig
  • Benutzer sollten so viel Kontrolle wie möglich über das Verhalten der Website haben. Multimediaelemente müssen ausschalt- oder deaktivierbar sein
  • Zeitlimits für Inhalte oder automatische Aktualisierungen sollte nach Möglichkeit vermieden werden
  • Nicht nur beim Ausfüllen von Formularen (und bei Fehlermeldungen) muss eine unmissverständliche Sprache verwendet werden

Jörg Morsbach, Diplomdesigner und Kommunikationswirt (WAK), betreibt bereits seit 2003 die Düsseldorfer Agentur anatom5 und macht sich aus Überzeugung für universelles Design und einen weit reichenden Inklusionsgedanken stark. anatom5 wurde vielfach für Barrierefreiheit ausgezeichnet. Seit Anfang 2017 ist Jörg Morsbach  zugelassener Erstprüfer des BITV-Test (BIK-Test). Sein heimliches Steckenpferd ist die Suchmaschinenoptimierung.

Zum Portfolio von anatom5 gehören Internetauftritte und Webapps ebenso, wie barrierefreie PDF-Dokumente und Übersetzungen in leichte Sprache. Zudem hat anatom5 mit dem Barriere-Check Pro ein Testverfahren entwickelt, das auch WCAG-Empfehlungen, Best-Practice Lösungen, Aspekte der Usability und Performance sowie BITV-Anforderungen der Priorität 2 berücksichtigt.

Sein Credo lautet:

Ohne Screenreader-Tests und Analysen im Detail ist Testen mit automatisierte Testtools nur das sprichwörtliche „Fischen im Trüben“.