Zusammenfassung
„Aesthetics Of Access“ kann auch übersetzt werden mit „Schönheit der Barrierefreiheit“. Es bedeutet, dass wir uns als Kreative, Designerinnen und Designer von einem Schönheitsideal verabschieden, das andere ausgrenzt und dafür die neue Schönheit entdecken, die in inklusivem Design und „Design für Alle“ steckt.
Was bedeutet „schön“?
Ein Argument, dass ich oft höre, wenn es um Barrierefreies Design geht, ist, dass die Schönheit verloren gehe, alles gleich aussehe und die Freiheit des Gestaltens irgendwie eingeschränkt würde.
Mal abgesehen davon, dass es bei Design nicht allein nur um Schönheit geht, sondern auch um Funktion, passt dieses Argument meiner Meinung nach nicht mehr in unsere Zeit.
Ästhetik – also die Lehre der Schönheit und Harmonie – war lange immer auch eine Lehre der Ausgrenzung: etwas ist schön oder nicht. Wenn Ästhetik dazu dient, Zugänglichkeit gegen Schönheit auszuspielen, dann wird sie schnell zu einem Schönheitsideal, dass Menschenrechte verletzt. Lösungen, die diesem Schönheitsempfinden entgegenstehen, erscheinen dann hässlich oder störend.
Ein paar Beispiele:
- In der Architektur gibt es seit langem Tradition der Freitreppe – also Stufen, die im Freien zu einem Portal oder Platz hinaufführen. Sie gilt als schön. Eine Rampe nach DIN-Norm 18040 gilt als hässlich.
- Das neue Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, das am 28.Juni 2025 in Kraft tritt, schreibt vor, das verlinkter Text ausreichend und nicht nur durch Farbe gekennzeichnet wird. Der Unterstrich, der standardmäßig einen Link im Web kennzeichnet, gilt aber als hässlich.
- Texte in leichter Sprache haben ein eigenwilliges Schriftbild. Jeder Satz steht in einer neuen Zeile und der Zeilenabstand ist höher, als bei traditionell gesetzten Texten. Das gilt als hässlich.
- Die optische Hervorhebung des Tastaturfokus galt lange als hässlich, da sie die sublimen, fein abgestimmten Hover-Effekte der Mausbedienung störten. Das hatte zur Folge, dass ihre wichtige Funktion oft unterdrückt wurde, in Vergessenheit geriet und heute in den wenigsten Page-Buildern (mir ist sogar keiner bekannt) in den Einstellungen für Links und Buttons vorkommen.
Aesthetic of Access
„Drüben“ in den freien Künsten gibt es schon etwas länger die Diskussion über einen vielleicht veralteten Schönheitsbegriff, dem wir alle anhängen. Hier tauchte auch der Begriff „aesthetics of access“ zuerst auf. Was für eine Ästhetik entsteht, wenn wir Barrierefreiheit von Anfang mit einbauen? Was, wenn es gar nicht mehr in Frage käme, Barrierefreiheit gegen Schönheit auszuspielen?
Das Problem mit dem „hinterher-reparieren“
Aktuell ist es noch so, dass viele Gestaltende und Kunstschaffende sich über Barrierefreiheit während der „kreativen Phase“ keine Gedanken machen und wir viele Gesetze und Verordnungen benötigen, um hinterher wenigstens halbwegs die Zugänglichkeit für alle herzustellen. Es wird dann versucht, mit nachträglich eingebauten Techniken eine Art Ersatz für die fehlende Zugänglichkeit des Originals zu schaffen. Das ist aber doppelte Arbeit. Und das Ergebnis ist für die betreffenden Personen einfach nicht gleichwertig schön. Wenn ich ständig auf die Untertitel schauen muss oder der Audio-Deskription lauschen muss, habe ich nicht die gleiche ästhetische Erfahrung wie die Zuschauer, die das nicht brauchen.
Stattdessen könnten wir mit der Einbeziehung von Barrierefreiheit ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten entdecken und eine Ästhetik für alle entwicklen, die ein gleichwertiges Erlebnis bietet – egal ob ich sie mit allen Sinnen oder nur mit einigen wahrnehme. Eine Ästhetik der Inklusion.
Hier ein paar Beispiele für eine solche Ästhetik aus der Publikation „Aesthetics of Access – Praxis Guideline für Darstellende Künste“ des Vereins Un-Label e.V. Köln:
- In der Produktion „Fux“ von Ursina Tossi wird das gesamte Publikum spielerisch durch das Bühnenbild geleitet und kann es somit taktil erfahren
- Die Performance „Scores that shaped our friendship“ von Lucy Wilke und Pawel Dudús bietet einen Publikumsraum mit verschiedenen Sitz- und Liegemöglichkeiten im gesamten Bühnenraum an
- In der Produktion „Soiled“ von Michael Turinsky ist die Audiodeskription für das gesamte hörende Publikum erlebbar und schafft eine Textebene zwischen Narration und Deskription
- In der Produktion „Criptonite #3 Be Inspired!!!“ von Nina Mühlemann und Edwin Ramirez fliegen kreative Übertitel im Stil des „Star Wars“-Intros durch das Bild
Wie sieht eine User-Experience of Access aus?
Im UX-Design ist es ähnlich: Oft werden ästhetisch „ansprechende“ Versionen gebaut, um Kunden zu beeindrucken und hinterher wird versucht, sie noch nachträglich an die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung anzupassen. Oder es wird eine Alternativ-Version zur Verfügung gestellt, die dann keine Bilder oder nur eine einfache Textversion der Website enthält. Das Nutzungserlebnis – die User-Experience – ist nicht die selbe. Immerhin ist – wenn es gut gemacht ist – die reine Nutzbarkeit für alle hergestellt. Auf der Strecke bleibt das sinnliche Erlebnis. Der Spaß an der Wahrnehmung.
Viele Websites draussen, die die Richtlinien für Barrierefreiheit befolgen, haben eine etwas andere Ästhehtik als nicht barrierefreie Seiten. Sie sind klarer, robuster und verzichten auf flimmern und selbst startende Videos. Aber das kann nur der Anfang sein.
Bei meinen Besuchen der Dutch-Design-Week, die jedes Jahr in Eindhoven in den Niederlanden stattfindet, konnte ich Ansätze für eine neue Designauffassung schon erkennen. Hier meine Eindrücke von der letzten Dutch Design Week 2024 dazu.
Einen guten ersten Ausblick, wie eine UX-of-Access aussehen könnte, bieten für mich die Inclusive Design Principles. Und dort vor allem die Aussagen, die dazu motivieren, über die Richtlinien hinaus zu gehen. Das ist vor allem das letzte Prinzip: „Add value“. Es fordert auf, neue Möglichkeiten und Techniken zu nutzen und sie für das Nutzungserlebnis einzusetzen. Ein paar Beispiele (aus dem englischen übersetzt):
- Verwendung von Sprachschnittstellen zur Steuerung von Multimedia, zur Suche nach Inhalten, zur Ausgabe von Musik oder zum Fernsehen bietet einen Mehrwert für Menschen, die Schwierigkeiten haben, andere Schnittstellen zu nutzen.
- Vibrations-APIs machen Benachrichtigungen für Gehörlose und Schwerhörige besser nutzbar, während Geolokalisierungs-APIs es Menschen mit Mobilitätseinschränkungen erleichtern, standortbezogene Dienste zu nutzen.
- Hinzufügen einer Schaltfläche „Kennwort anzeigen“ zu Eingabefeldern, damit die Benutzer überprüfen können, ob sie den Text richtig eingegeben haben, oder hinzufügen einer Berührungserkennung für kennwortgeschützte Bereiche.
Wenn es stimmt, dass Product-Owner Features lieben, warum dann nicht mal ein Feature einbauen, dass die UX-of-Access verbessert. Es könnte dazu führen, dass es nicht nur die Menschen, für die es gedacht ist, lieben werden, sondern auch andere plötzlich die neue Bedienungsart kennen und schätzen lernen. Es gibt so viele Erfindungen, die ursprünglich aus Barrierefreiheitsgründen entwickelt wurden und die heute weltweit verbreitet sind. Die viel zitierte abgesenkte Bürgersteigkante ist nur eine davon.
Ein Anfang wäre auch schon, mehr Aufmerksamkeit auf die Gestaltung und damit mehr Wertschätzung auf die erkennbaren Elemente der Barrierefreiheit zu legen. Hier ein paar Dinge, die mir dazu einfallen:
- Skip-Links die sich dem Branding der Website anpassen
- Tastatur-Fokus, der sich dem Design der Website anpasst
- Sichtbar eingebundene Gebärdensprachen-Videos
- Gut gestaltete Pause-Buttons für Animationen (hier mein favorisiertes Beispiel dafür)
- Sorgfältig redaktionell bearbeitete Alternativ-Texte
Wir brauchen dazu die Menschen, die es betrifft
Das sind aber nur Dinge, die mir als zur Zeit nicht betroffenen Menschen einfallen. In den Beiträgen zu Aesthetic-of-Access wird immer wieder betont, wie wichtig die Einbeziehung der Menschen mit Behinderung in den Gestaltungsprozess ist. Nur sie können beurteilen, wie sich eine solche Ästhetik anfühlen soll und worauf sie Wert legen. Daher ist es so wichtig, dass Entwicklungsteams divers werden und aus so vielen unterschiedlichen Menschen wie möglich bestehen. Das bedeutet auch: Menschen mit Behinderung gehören in den ersten Arbeitsmarkt. Und auch wir Barrierefreiheitsexperten sollten öfter von unserer Standard-Lektüre aufschauen und mit echten Menschen reden, die von uns auditierte Websites und Web-Anwendungen täglich nutzen. Ich glaube, dann kann eine echte UX-of-Access entstehen.
Das neue Barrierefreiheitsstärkungsgesetz wird hoffentlich neue Entwicklungen anstoßen. Wer weiss, vielleicht werden nicht mehr barrierefreie Inhalte bald irgendwie unmodern und hässlich erscheinen. Das wäre ein schönes Ziel!
