Löst Künstliche Intelligenz alle Probleme der Barrierefreiheit?

Zusammenfassung

Barrierefreiheits-Profis brauchen wir nicht mehr, das macht jetzt die Künstliche Intelligenz. Ein Gedanke, der vielen Verantwortlichen durch den Kopf geht. In seinem Beitrag räumt Domingos de Oliveira mit Mythen rund um KI und Barrierefreiheit auf.

In diesem Beitrag geht es um häufige Mythen, auf die ich bei digitaler Barrierefreiheit und Künstlicher Intelligenz (KI) häufig treffe.

KI macht Code auf Knopfdruck barrierefrei

  • Viele Personen aus unterschiedlichsten Bereichen glauben, Wibe Coding, also die KI-basierte Erzeugung von Code und ganzer Anwendungen, würde Barrierefreiheits-Expertise überflüssig machen. Dieser Irrtum ist nicht nur schädlich für die Nutzenden, die auf Barrierefreiheit angewiesen sind. Er ist eine Gefahr für die Anbieter. Die Prüfstellen fragen nicht, wer den Code entwickelt hat. Sie schauen, ob er barrierefrei ist oder nicht. Der Anbieter hat den Schaden, aber auch der Dienstleister, der damit seinen Ruf ruiniert.
  • KI-Tools können tatsächlich recht gut einzelne barrierefreie Komponenten erzeugen. Sie scheitern vollständig, wenn es um die Erzeugung ganzer Anwendungen geht. Ihnen fehlt der Kontext, so dass einzelne Komponenten gut funktionieren können, die Anwendung als Ganze aber nicht barrierefrei ist.
  • In dem Zusammenhang werden auch automatisch arbeitende Prüftools ein Problem. Viele KIs nutzen sie als Grundlage, um Probleme zu finden und zu beheben.  Automatische Prüftools erzeugen allerdings falsche Sicherheit bei KIs und Menschen. KIs korrigieren Fehler, die automatisch aufspürbar sind. Zumindest tun sie so als ob. Dafür zu sorgen, dass eine Fehlermeldung nicht mehr erscheint, löst nicht unbedingt das zugrunde liegende Problem. Die meisten Anforderungen der Barrierefreiheit lassen sich nicht oder nur eingeschränkt automatisiert prüfen, KI ist diesbezüglich bisher kein Game Changer gewesen.
  • Nehmen wir ein simples Beispiel: Eine Komponente wird mit ARIA gebaut. Es wird eine Semantik hinzugefügt, die formal korrekt ist. Bei einer manuellen Prüfung würde sich herausstellen, dass die Komponente formal korrekt programmiert ist, aber in dem Zusammenhang falsch ist.
  • In diesem Zusammenhang wird zwischen Logik- und Kontext-Fehlern unterschieden: Logikfehler bedeutet, dass eine Komponente falsche Attribute hat: Eine Checkbox kann angehakt oder abgehakt sein, sie kann nicht aus- oder zugeklappt sein. Automatische Prüftools können solche Probleme gut erkennen. Ein Kontextfehler wäre, wenn das Element eigentlich ein Radio-Button wäre (nur eine Option kann ausgewählt werden), aber die Semantik einer Checkbox verwendet wurde (es können mehrere Optionen ausgewählt werden). Stand heute könnten viele KIs das nicht erkennen.
  • Auch ungenaue Prompts können ein Problem darstellen. Ein häufiges Missverständnis bei Developern ist, dass das Hinzufügen von ARIA den Inhalt automatisch auch zugänglich macht. Wenn die KI also die Anweisung bekommt, ARIA hinzuzufügen, könnte sie semantisch korrekte ARIA-Attribute ergänzen. ARIA sorgt aber nicht dafür, dass eine Komponente auch mit Tastatur bedienbar ist. Das muss zusätzlich programmiert werden. Jede erfahrene Developerin weiß das und könnte den Prompt genauer formulieren. Aber solche Tools richten sich häufig an Laien, denen schlicht die Erfahrung fehlt, genaue Prompts zu schreiben. Sie werden allgemein die Anweisung geben, den Code barrierefrei zu machen, ohne nachvollziehen zu können, ob es tatsächlich funktioniert hat.
  • Aus dem gleichen Grund können auch Erweiterungen nicht funktionieren, die als nachträgliche Korrektur oder Optimierung in die Anwendung integriert werden, in der Barrierefreiheits-Szene Accessibility Overlays genannt. Falls sie KI enthalten, funktioniert sie nicht oder nicht korrekt. Bei älteren KI-algorithmen, die solche Tools oft aus Kostengründen verwenden, sind zum Beispiel auch automatisch generierte Bildbeschreibungen oft falsch oder unzureichend.
  • Das Problem ist, dass die Wibe-Coding-Tools aktuell nicht den Reifegrad erreicht haben, den es für Barrierefreiheit benötigt. Sie können sicher hilfreich sein, aber ohne Qualitätssicherung durch Profis wird meistens etwas Halbgares herauskommen.

Einfache und Leichte Sprache

  • Aktuell wird der Markt von Werkzeugen geflutet, die Texte automatisch verständlich machen wollen. Die Formate Einfache Sprache und Leichte Sprache werden dabei oft genannt. Einfache Sprache ist eine vereinfachte Form der Alltagssprache. Leichte Sprache ist noch stärker vereinfacht und hat vor allem Menschen mit Lernbehinderung als Zielgruppe.
  • Während viele Werkzeuge gut sind, was die Übertragung in vereinfachte Strukturen angeht, versagen sie oft bei wichtigen Aspekten: Komplexe Wörter werden nicht erklärt, Begriffe werden nicht konsistent verwendet. Vor allem ist die KI aber nicht in der Lage, einen Text ggf. neu zu strukturieren. Vielfach geht es um Inhalte, die nicht von Text-Profis geschrieben wurden (möglicherweise wurden sie selbst mit KI erstellt). Dabei können die Struktur sowie das Weglassen weniger wichtiger Informationen entscheidend für das Verständnis sein. Die KI kann das bisher nicht leisten.
  • Generell bleibt das Problem der Halluzinationen: Nicht spezialisierte KIs können selbst dann Informationen dazu dichten, wenn man ihnen explizit sagt, dass sie nur den Text verwenden sollen, den man ihnen reinkopiert hat.

Bildbeschreibungen

  • Kurzfristig dürfte das Thema Generierung von Bildbeschreibungen den größten Impact haben. Der Bedarf ist groß, zum Beispiel bei eCommerce oder in der Bildung: Zig tausend komplexe Bilder, keine Ressourcen, sie angemessen zu beschreiben. Lassen wir die KI das doch machen. Dabei geht es nicht um den klassischen Alternativtext, sondern um ausführliche Beschreibungen informations-tragender komplexer Grafiken wie Schaubilder.
  • Im eCommerce kann man eine nicht 100 Prozent adäquate Beschreibung verkraften. Ob die Farbe des Turnschuhs mintgrün oder lindgrün ist, dürfte in den meisten Fällen nicht spielentscheidend sein. Anders sieht es in der Bildung aus. Dort wird viel mit komplexen Informationsgrafiken gearbeitet. Sie sind entscheidend für das Studium oder eine akademische Karriere.
  • Allerdings sind KIs nicht unbedingt in der Lage, die relevanten Aspekte zu beschreiben. Oft erhalten sie das Bild ohne Kontext, so dass auch ein Mensch ohne Erfahrung in dem speziellen Feld nicht entscheiden könnte, was wichtig ist. Dieser fehlende Kontext führt dazu, dass die KIs entweder geschwätzig werden – zu viel Inhalt ohne Relevanz – oder wichtige Aspekte unterschlagen. Da die Zielgruppe blind ist, kann sie das ohne fremde Hilfe nicht einordnen.

Fazit: KI als Hilfe, nicht als Ersatz

  • Es soll nicht der Eindruck erweckt werden, dass KI generell abgelehnt wird. Im Gegenteil: Für viele Barrierefreiheits-Profis gehört sie zur täglichen Arbeit dazu. Auch viele Menschen mit Behinderung setzen KI als tägliches Hilfsmittel ein. Das Problem ist der unkritische Einsatz von KI.
  • KI-generierte Inhalte erfordern ausnahmslos eine kritische Prüfung. Diese Prüfung muss durch erfahrene Personen erfolgen. Barrierefreiheits-Profis bringen genau diese Erfahrung mit. Wichtig ist, den Bias abzulegen, dass etwas, was von einer Maschine kommt, grundsätzlich richtig ist und nur oberflächlich geprüft werden muss.
  • Tools sollten vor der Anschaffung kritisch geprüft werden. Sind die Modelle speziell für die Barrierefreiheit optimiert worden.  Hat der Anbieter Renommee in der Barrierefreiheit? Wird das Tool von namhaften Epxert:Innen der Barrierefreiheit empfohlen?
  • Als Faustregel: Wenn ein Tool-Anbieter ihnen verspricht, dass es alles automatisch und ohne menschliche Qualitätssicherung optimiert, können sie es ignorieren. Solche Tools gibt es nicht und wird es absehbar nicht geben. Ein seriöser Anbieter wird immer darauf hinweisen, dass eine menschliche Prüfung notwendig ist.
  • Trotz all dieser Einwände: Die Entwicklung bei KI ist dynamisch. Für alle Beteiligten ist es wichtig, die Entwicklung zu beobachten, kritisch zu begleiten und in die richtige Richtung zu beeinflussen: Denn KI hat das Potenzial, die Barrierefreiheit vielleicht entscheidend voranzutreiben.