Leichte Sprache – schwere Sprache

Leichte Sprache soll unsere schwere deutsche Alltagssprache für Menschen mit Lernbehinderung bzw. Menschen mit einer Lernschwierigkeit besser verständlich machen. Aber was genau ist eigentlich Leichte Sprache? Wer darf Texte in Leichte Sprache übersetzen? Sind nur Texte leicht, die Nutzertests durchlaufen haben? Um diese Fragen soll es in diesem Artikel gehen.

Seit 2003 haben wir uns als Agentur auf barrierefreie Informationstechnik im Rahmen der WCAG und der BITV spezialisiert. Und auch mit dem Thema Leichte Sprache befassen wir uns schon seit ein paar Jahren. Dafür suchen wir den Dialog mit anderen Übersetzern und Übersetzungsbüros. Zum einen, um theoretisch auch Nutzertests in diesem Bereich anbieten zu können. Zum anderen aber auch, um den eigenen Blickwinkel auszuweiten. Dieser Artikel ist nach längeren Gesprächen mit Christine Tennie, selbst staatlich anerkannte Übersetzerin, entstanden. Sie ist zertifizierte Fachübersetzerin für Leichte Sprache und arbeitet auf der Grundlage der von der Forschungsstelle Leichte Sprache an der Universität Hildesheim ausgearbeiteten Regeln.

Wir selbst nehmen Übersetzungen in Leichte Sprache wir stets nach den europäischen Richtlinien für leichte Lesbarkeit, bzw. den Empfehlungen des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales vor. Zu den Regeln zählen u. a.:

  • Es werden kurze Sätze verwendet
  • Jeder Satz enthält nur eine Aussage
  • Jeder Satz bekommt im besten Fall eine eigene Zeile
  • Worttrennungen am Satzende werden vermieden
  • Es werden kein Dass-Sätze gebildet
  • Es werden kein Relativ-Sätze gebildet
  • Der Konjunktiv wird vermieden
  • Der Genitiv wird in den meisten Fällen durch Dativ ersetzt
  • Lange Worte werden getrennt
  • Etc.

Ein paar Hintergründe zur Leichten Sprache

Die sogenannte Leichte Sprache ist eine besondere Form der deutschen Schriftsprache. Sie ist nicht zu verwechseln mit dem was die BITV gemeinhin als „Einfache Sprache“ bezeichnet. Leichte Sprache zielt auf besonders leichte Verständlichkeit ab. Veröffentlichungen in Leichter Sprache sind Angebote für Menschen mit eingeschränkten Sprach- und Lesefähigkeiten.

Die Geschichte der Leichten Sprache reicht bis in die siebziger Jahre zurück. Damals haben sich in den USA Menschen mit Lernschwierigkeiten zusammengetan, um Ihre Rechte besser vertreten zu können. Vor fast 20 Jahren wurde dann auch in Deutschland der Verein „Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland“ gegründet, der seitdem für die Rechte von Menschen mit Lernschwierigkeiten kämpft. Seitdem ist im Bereich Leichte Sprache viel passiert und mittlerweile gibt es auch viele Übersetzungsbüros, die eine Übersetzung in Leichte Sprache anbieten. Seit 2006 gibt es in Deutschland das Netzwerk Leichte Sprache, das auch ein entsprechendes Regelwerk zum Download zur Verfügung stellt.

Leichte Sprache ohne Nutzertests?

Die Regeln für Leichte Sprache sind öffentlich zugänglich und im Prinzip relativ leicht zu erlernen. Dadurch sind sie auch für jedermann überprüfbar. Sowohl Inclusion Europe als auch das deutsche Netzwerk People First verlangen aber trotzdem Nutzertests. Zumindest, wenn man das mittlerweile weit verbreitete Zertifikat (Logo) von Inclusion Europe verwenden möchte. Bei Inclusion Europe steht konkret: „Mindestens eine Person mit geistiger Behinderung muss das Dokument gelesen haben, um zu prüfen, ob es leicht zu lesen und zu verstehen ist.“ Und auch beim Netzwerk People First werden Nutzertests mit Menschen mit Lernschwierigkeiten als Qualitätskriterium angeführt.

Die Frage ist, darf man hier anderer Meinung sein. Die Argumentation gab es im Bereich barrierefreies Internet vor vielen Jahren gleichermaßen. Auch hier hieß es am Anfang, ohne Nutzertests wäre Barrierefreiheit im Internet nicht möglich. Dass das nicht zwingend der Fall sein muss, haben viele Best-Practice Projekte in den letzten Jahren bewiesen.

Nutzertests haben einen entscheidenden Nachteil. Nutzertests zeigen letztendlich nur die Perspektive des einzelnen Nutzers. Und obwohl sicherlich niemand mehr auf die Idee käme ein Usability Panel mit nur einem Nutzer zu machen, weil dieser eine Nutzer einfach nicht stellvertretend für alle anderen Nutzer stehen kann, soll dies für Nutzertests mit Menschen mit Lernschwierigkeiten angemessen zu sein?

Ein einzelner Nutzer, ob mit Lernbehinderung oder ohne Lernbehinderung, kann niemals stellvertretend für die Grundgesamtheit aller Nutzer zusammen stehen. Sowas nennt man zu Recht bewusst abwertend „Hausfrauentest“ oder neudeutsch „Hausmannstest“.

Einzelne Übersetzungsbüros arbeiten deshalb auch nicht nur mit einem Nutzer in einem Nutzertest, sondern mit drei Nutzern oder mehr. Das ist sicherlich schon mal repräsentativer, als mit einem einzelnen Nutzer zu testen. Hat aber natürlich den Nachteil, dass das für eine weite Verbreitung von Leichter Sprache zu einem absehbaren Flaschenhals werden würde. Schon jetzt sind viele Übersetzungsbüros bzw. Prüfer überlastet.

Sozialorientierter oder linguistischer Ansatz

Das Netzwerk People First ist aus einem sozialen Gedanken entstanden und betont daher auch die Inklusion lernbehinderter Menschen in den Entstehungsprozess von Texten in Leichter Sprache. Es gibt aber auch andere Ansätze. Die Forschungsstelle Leichte Sprache der Universität Hildesheim hat zum Beispiel in Zusammenarbeit mit einem renommierten Sprachprofi, nämlich Duden, ein auf Forschungsergebnisse beruhendes Regelwerk aufgestellt. Dieses ist natürlich aufgrund des Hintergrunds deutlich akademischer als das, was an Anleitungen bisher von Inclusion Europe und anderen vorliegt.

Die Forschungsstelle Leichte Sprache und die Duden-Redaktion, mit der diese zusammenarbeitet, kommen aus der Linguistik. Sprich, es wurde basierend auf allgemeinen linguistischen Regeln und Ergebnissen aus der Verständlichkeitsforschung ein Regelwerk aufgebaut, das konsequent angewendet werden soll. Dieses Regelwerk ist klar formuliert und wahrscheinlich für interlinguale Übersetzer, die über den entsprechenden Hintergrund verfügen, leichter zugänglich als für Menschen, die sich beruflich eher mit sozialen Aspekten im Umgang mit lernbehinderten Menschen auseinandersetzen. Mit anderen Worten: Wenn man einem Linguisten sagt, dass er in Leichte-Sprache-Texten keine Personalpronomina verwenden soll, versteht er sofort, was gemeint ist und kann das auch konsequent umsetzen. Nicht-Linguisten fehlt da häufig schon die Metasprache. Sie wissen gar nicht, was Personalpronomina sind.

Es geht an dieser Stelle in keiner Weise darum die soziale Arbeit in diesem Bereich, wie z.B. von der Lebenshilfe, schlecht zu reden. Mitnichten. Durch den Umgang mit lernbehinderten Menschen sind sie sicher mehr in der Kommunikation mit diesen geschult als andere. Aber es wird halt gegebenenfalls ein anderer Schwerpunkt gesetzt. Deshalb bestehen solche Einrichtungen auch auf der Einbindung einer Prüfgruppe. Weil der Gedanke der Inklusion im Vordergrund steht: wenn der Text für lernbehinderte Menschen gedacht ist, müssen auch lernbehinderte Menschen beteiligt sein. Der rein linguistische Ansatz dagegen unterstellt: die Faktoren x, y, und z machen einen Text einfacher verständlich. Also wendet man diese Faktoren an und wenn alle eingehalten wurden weiß man nach wissenschaftlichen Erkenntnissen, dass der Text verständlich ist. Dafür muss man sich nicht mehr auf eine relativ kleine Prüfgruppe verlassen, in der eventuell alle etwas anderes verständlich oder nicht verständlich finden.

Design und Leichte Sprache

Wer sich schon mal mit dem Thema Leichte Sprache auseinandergesetzt hat, wird feststellen, dass viele Texte in Leichter Sprache relativ designfrei und linearisiert dargestellt sind. Zur „besseren Verständlichkeit“ empfiehlt das Netzwerk People First lediglich ein Set an vorgefertigten Grafiken, welches man zur Unterstützung einsetzen kann. Eine darüber hinausgehende Gestaltung von Inhalten in Leichter Sprache wird von Inclusion Europe und dem Netzwerk People First nicht vorausgesetzt.

Einem Designer muss das seltsam vorkommen, denn Text an sich ist zunächst einmal graue Masse, der erst durch entsprechende Gestaltung und Aufbereitung zu einer Form gelang, die eine Einsortierung möglich macht. Sabina Sieghard, selbst Kommunikationsdesignerin, hat sich mit dem Designforschungsprojekt Leichte Sprache genau damit auseinandergesetzt. Unter anderem hat sie sich die Frage gestellt, inwieweit die Zielgruppe für Leichte Sprache alleine am Design verschiedene Textsorten erkennen kann. Also zum Beispiel, ob es sich um einen Zeitungsartikel handelt. Dafür wurden Probanden verschiedene Textsorten mit Blindtext bzw. verfremdeten Text vorgelegt, einmal in normalem Layout und einmal im typischen Leichte-Sprache-Layout, um festzustellen, ob alleine die Form beim Verständnis des Inhalts hilfreich sein kann. Das Ergebnis des Forschungsprojekts ist nicht überraschend. Bei einem geschriebenen Text ist nicht nur der Inhalt wichtig. Auch, wie der Text aussieht, hilft beim Verständnis.

Leichte Sprache alleine reicht nicht

Leichte Sprache soll eine verständliche Abwandlung der deutschen Schriftsprache sein. Das Ziel der Leichten Sprache ist Barrierefreiheit zu schaffen und Teilhabe sowie Selbstbestimmung von Menschen mit Lernschwierigkeiten bzw. Lernbehinderung zu verbessern. Neben dieser Zielgruppe, die natürlich schwerpunktmäßig hinter dem Thema Leichte Sprache steht, profitieren aber auch noch Menschen mit begrenzten Deutschkenntnissen, Teilanalphabetisten, oder Demenzkranke von Inhalten in Leichter Sprache. Das strenge Regelwerk von Inclusion Europe oder Netzwerk People First (mit der verpflichtenden Einbindung von Menschen mit Lernbehinderung bzw. Menschen mit Lernschwierigkeiten, um das Leichte-Sprache-Siegel nutzen zu dürfen) wird dem nicht vollständig gerecht. Zudem widersprechen die Regeln teilweise den Erkenntnissen der Verständlichkeitsforschung. Das bezieht sich zum Beispiel auf die empfohlene Getrennt- Schreibweise von langen Begriffen. Das Wort Verständlichkeitsforschung würde dann Verständlichkeits-Forschung geschrieben. Linguisten argumentieren, dass die Veränderung von feststehenden Begriffen außerhalb des Kontextes Leichte Sprache zu mehr Sprachbarrieren führt. Weil die Worte in der Form sonst nirgendwo auftauchen. Darüber hinaus scheinen designfreie Inhalte in Leichter Sprache den Erfahrungen und Erkenntnissen des Kommunikationsdesigns zu widersprechen. Für Otto Normalbürger werden Texte immer durch Layout und Makrotypografie aufbereitet, um die Lesbarkeit und Verständlichkeit zu erhöhen. Für die besondere Zielgruppe der Menschen mit Lernschwierigkeiten bzw. Lernbehinderung findet das überhaupt nicht statt. Hier muss sicherlich ein Umdenken stattfinden.

Jörg Morsbach, Diplomdesigner und Kommunikationswirt (WAK), betreibt bereits seit 2003 die Düsseldorfer Agentur anatom5 und macht sich aus Überzeugung für universelles Design und einen weit reichenden Inklusionsgedanken stark. anatom5 wurde vielfach für Barrierefreiheit ausgezeichnet. Seit Anfang 2017 ist Jörg Morsbach  zugelassener Erstprüfer des BITV-Test (BIK-Test). Sein heimliches Steckenpferd ist die Suchmaschinenoptimierung.

Zum Portfolio von anatom5 gehören Internetauftritte und Webapps ebenso, wie barrierefreie PDF-Dokumente und Übersetzungen in leichte Sprache. Zudem hat anatom5 mit dem Barriere-Check Pro ein Testverfahren entwickelt, das auch WCAG-Empfehlungen, Best-Practice Lösungen, Aspekte der Usability und Performance sowie BITV-Anforderungen der Priorität 2 berücksichtigt.

Sein Credo lautet:

Ohne Screenreader-Tests und Analysen im Detail ist Testen mit automatisierte Testtools nur das sprichwörtliche „Fischen im Trüben“.