Barrierefreiheit ist kein Randthema für eine kleine Minderheit. Sie betrifft uns alle – früher oder später.
Rund 10 Prozent der Menschen in Deutschland leben mit einer anerkannten Schwerbehinderung. Wer Barrierefreiheit nur für diese Gruppe denkt, verschenkt enormes Potenzial. Denn von Barrierefreiheit profitieren nicht nur Menschen mit einer anerkannten Schwerbehinderung – leichtere Behinderungen, chronische Krankheiten, eine Muttersprache, die nicht deutsch ist … vieles führt dazu, dass sich manche Menschen mit digitalen Angeboten schwertun. Und auch diejenigen, die Online zu Hause sind: Eine gebrochene Hand, eine Augeninfektion, ein stressiger Tag mit nachlassender Konzentration: Situationsbedingte Einschränkungen treffen jeden Menschen; vorübergehend, aber real.
Dieses Prinzip wird oft als „Curb Cut Effect“ beschrieben: Eine abgesenkte Bordsteinkante wurde für Rollstuhlfahrer gebaut – heute nutzen sie Radfahrer, Eltern mit Kinderwagen und Menschen mit Gepäck. Barrierefreiheit verbessert die Erfahrung für alle.
97 Prozent aller Behinderungen entstehen im Laufe des Lebens. Knapp 80 Prozent der Schwerbehinderten in Deutschland sind 55 Jahre oder älter. Barrierefreiheit ist damit vor allem ein Thema des Alters – und damit mittelfristig ein Thema für die große Mehrheit der Bevölkerung.
Vier wesentliche Einschränkungen im Alter
Sehen
Mit zunehmendem Alter nimmt die Sehkraft ab: Neben Erkrankungen wie Makuladegeneration oder grauem Star verringert sich auch die Muskelkraft im Auge selbst. Das führt zu Altersweitsichtigkeit sowie einer eingeschränkten Farb- und Kontrastwahrnehmung. Deswegen ist es besonders wichtig, dass die Mindest-Kontrastwerte für Schriften eingehalten werden und die Text, Grafiken und Bedienelemente verlustfrei vergrößerbar sind.
Hören
Ab dem 50. Lebensjahr beginnt die sogenannte Altersschwerhörigkeit. Durch Verschleiß der Haarzellen im Innenohr werden zunächst hohe Töne und das Sprachverstehen in lärmigen Umgebungen schwächer. Laute Töne werden zunehmend als unangenehm empfunden und viele ältere Menschen leiden zusätzlich unter Tinnitus – was das Verständnis von Audio-Inhalten erheblich erschwert. Deswegen ist es wichtig, dass Videos immer mit guten Untertiteln angeboten werden. So können die Lücken im Hören durch das „gelesene“ Wort ergänzt werden.
Motorik
Krankheiten wie Arthritis, Rheuma oder Tremor schränken die Feinmotorik ein. Präzise Klicks und komplexe Gesten – etwa das Spreizen zweier Finger auf einem Touchscreen zum Vergrößern – werden zur echten Herausforderung. Auch die Druckempfindlichkeit der Fingerkuppen lässt nach, was die Bedienung von Touch-Displays zusätzlich erschwert. Die Konsequenz: Gerade Designs für mobile Geräte müssen sorgfältig auf die Bedienbarkeit mit eingeschränkter „Fingerfertigkeit“ getestet werden.
Kognition
Auch ohne eine Demenz-Diagnose verlangsamt sich mit dem Alter die Informationsverarbeitung, und die Gedächtnisleistung nimmt ab. Ein erschwerender Faktor: Viele ältere Menschen nehmen Medikamente, deren Nebenwirkungen Sehen, Hören, Konzentration und Reaktionsfähigkeit gleichzeitig beeinflussen können.
50 plus ist online – und will es bleiben

- Gut 50 Prozent nutzen soziale Netzwerke
- 80 Prozent kaufen im Internet ein
- Rund 70 % nutzen Online-Banking
Quelle: Statistisches Bundesamt, 2025, Altersgruppe 45–64 Jahre
Die Generation 50 plus ist keine digitale Randgruppe. Sie ist aktiv, vernetzt und will ihr Nutzungsverhalten mit zunehmendem Alter nicht aufgeben. Umso wichtiger ist es, dass digitale Angebote wirklich barrierefrei gestaltet sind – und das von Anfang an. Und sie wird rasant größer: Wenn die demografische Entwicklung so weiter geht, wird bereits in 2030 jede 2. in Deutschland lebende Person älter als 50 Jahre sein.
Was barrierefreies Design konkret bedeutet
Schrift, Kontrast & Farbe
Große, skalierbare Schriften sind essenziell. Texte, die als Bild eingebunden sind, lassen sich nicht problemlos vergrößern. So wird ein erheblicher Teil der Zielgruppe ausgeschlossen. Starke Kontraste kompensieren die nachlassende Kontrastwahrnehmung. Wichtig: Farbe darf nie das einzige Unterscheidungsmerkmal sein. Farblich hervorgehobene Inhalte sollten zusätzlich fett gesetzt oder anderweitig gekennzeichnet werden.
Video, Audio & Animationen
Audio-Inhalte brauchen immer eine Transkription, Videos immer zeitsynchrone Untertitel. Videoplayer müssen eine individuelle Lautstärkeregelung bieten. Automatisch startende Videos, Sounds und animierte GIFs lenken ab und sollten standardmäßig pausiert sein. Der oder die Nutzende bestimmt selbst, wann sie auf den Play-Button klickt.
Videoanrufe über soziale Plattformen bieten aktuell meist keine automatischen Untertitel. Für ältere Menschen mit Hörbeeinträchtigungen ist diese Kommunikationsform daher oft nicht zugänglich.
Design & Struktur
Klare, übersichtliche Layouts helfen – aber das reicht nicht allein. Klickbare Elemente wie Links oder Buttons müssen ausreichend Abstand zueinander haben. Bei eingeschränkter Motorik wird sonst recht schnell das falsche Element angeklickt. Das gilt für Links im Fließtext ebenso wie für Bedienelemente und Schaltflächen.
Barrierefreiheit gehört ins Briefing – nicht in den Bug Report
Wer Kommunikation plant, denkt von Beginn an über Zielgruppen, Tonalität und Corporate Design nach. Barrierefreiheit muss denselben Stellenwert bekommen – nicht als nachträgliche Pflichterfüllung, sondern als fester Bestandteil jedes Konzepts.
Das gilt kanalübergreifend: Eine Website, die skalierbare Schriften und ausreichende Kontraste bietet. Ein Flyer, der nicht nur auf Farbe setzt, um Informationen zu strukturieren. Eine Social-Media-Kampagne, die Videos konsequent mit Untertiteln und Bildbeschreibungen ausstattet. Überall dort, wo Corporate Design als selbstverständlicher Rahmen gilt, sollte Barrierefreiheit als ebenso selbstverständliche Anforderung verankert sein.
Die Frage ist nicht: Müssen wir das tun?
Sie lautet: Für wen kommunizieren wir eigentlich – und wer bleibt außen vor, wenn wir es nicht barrierefrei tun?
