Voiceover für Videos in Leichter Sprache

In den letzten Jahren entsteht mehr und mehr mündliche Leichte Sprache, sei es live bei Veranstaltungen oder vorbereitet für Audioguides oder Videos aller Art. Eine Möglichkeit, um bei audiovisuellen Medien Verstehenshürden abzubauen, ist eine Tonspur in Leichter Sprache, die über das Original gelegt wird. Also ein sogenanntes Voiceover. Wie dabei vorgegangen wird und was zu beachten ist, beleuchtet dieser Beitrag.

Wie bin ich zum Voiceover gekommen?

Gesprochene Sprache wird live bei Veranstaltungen schon etwas länger in Leichte Sprache gedolmetscht. Ich selbst mache dies seit ca. 6 Jahren. Auch Erklärvideos in zwei Varianten, einmal Standard und einmal vereinfacht, gibt es mittlerweile einige. Videos mit verschiedenen menschlichen Sprecher*innen, die dabei auch noch zu sehen sind? Daran hat sich bisher aber kaum jemand gewagt.

Dabei ist es mehr als sinnvoll, Filme, Dokus oder andere Filme mit echten Personen mit Voiceover in Leichter Sprache zugänglich zu machen. Davon konnte ich 2020 auch ZDF digital überzeugen, Dienstleister für barrierefreie Inhalte für das ZDF. In einem Pilotprojekt erstellten wir professionell eingesprochene Tonspuren für Sendungen wie ZDF heute und Volle Kanne. Die Idee war ein regelmäßiges, idealerweise sogar tägliches Angebot an Nachrichten in Leichter Sprache. Am Ende lagen die Prioritäten dann leider bei anderen Formen der Barrierefreiheit, die Pandemie kam dazu, das Projekt verlief im Sande.

Lehrstück war es allemal, eine nützliche Grundlage, als dann 2021 die Lebenshilfe Berlin mit der Idee um die Ecke kam: Wir wollen regelmäßig Videos über unsere vielfältigen Angebote und Aktivitäten erstellen, um den vielen Menschen, die gerade im Lockdown allein zuhause sitzen, gute Laune und Ablenkung zu ermöglichen. Der Name? PosiTiVi.

Gemeinsam mit Anja Teufel inklusiv und Sprecherin Simone Labs ging es los. Anjas Prüfgruppe war zunächst skeptisch: Eine Person, die alle Personen im Video spricht? Das sei sicher „schräg“. Ein Test mit einem Transkript, live von mir eingesprochen, überzeugte sie aber schnell vom Gegenteil. Prüferin Tamara Werth urteilte: „Das war total gut so. So schön ruhig. So habe ich alles gut verstanden“ (solche Kommentare bekomme ich übrigens auch beim Live-Dolmetschen immer wieder).

Was wir im Laufe der letzten drei Jahre im Verlauf des Projekts PosiTivi gelernt haben, erläutere ich jetzt. Sehr hilfreich für die technische Seite war dabei auch eine Fortbildung bei Florian Wolf (https://seminare.bdue.de/6192) in Filmuntertitelung und Voiceover.

Wie wirkt es authentisch?

Beim fremdsprachlichen Voiceover ist üblich, dass die Originalstimme zu Beginn und zum Ende jedes Redebeitrags zu hören ist – oft sogar durchgehend leise im Hintergrund. So soll die Authentizität des Originals belegt werden. Die Erfahrung hat aber gezeigt: Beide Tonspuren gleichzeitig zu hören, verwirrt viele Nutzer*innen der Leichten Sprache. Ob das Original zumindest zu Beginn hörbar sein sollte, um einen Eindruck des Sprechenden zu bekommen? Das würde ich mit Vertreter*innen der Zielgruppe testen.

Wichtig ist generell: Die Atmo (also Hintergrundgeräusche sowie Geräusche, die Aktionen oder Gegenstände im Bild verursachen und auch Musik) sollte erhalten bleiben. Sonst wirkt das Video nicht und die Inhalte können schwerer nachvollzogen werden.

Ideal ist auch, wenn Erzählstimme (von Person, die nicht auf der Leinwand zu sehen ist) und Protagonist*innen von unterschiedlichen Sprecher*innen eingesprochen werden. Bei PosiTiVi ist dies anders, was bei vielen Videos zu Herausforderungen geführt hat.

Was ist mit schnellen Schnitten und Zeitsprüngen?

Die größte Herausforderung ist, dass die Tonspur in Leichter Sprache der audiovisuellen Information untergeordnet ist. Schnelle Schnitte, Zeitsprünge, unklare Handlung? All das lässt sich tatsächlich schwer ausgleichen. Ideal ist deshalb, wenn das Original bereits möglichst reizarm und nachvollziehbar gestaltet ist.

Alternativ hilft es, wenn zumindest das Tempo durch Standbilder gedrosselt wird, die zusätzlich eingefügt werden. Auf diesen Einschüben kann zudem das Geschehen noch einmal zusammengefasst oder erklärt werden. Dies setzt aber voraus, dass es verschiedene Videospuren gibt. Wenn die Leichte Sprache genau wie fremdsprachliche Tonspuren im gleichen Player ausgewählt werden muss, geht dies also nicht. Leichter verständlich wird es aber in jedem Fall.

Wie ist der Prozess der Erstellung?

Viele Schritte ähneln dem Übersetzungsprozess von Texten, einige sind aber speziell. Hier ein kleiner Überblick:

1. Ich erstelle ein Hörskript
Dafür arbeite ich mit der Software Subtitel Edit (https://www.nikse.dk/subtitleedit). Dort kann ich meine Übertragung direkt in kurze Einheiten aufteilen, überprüfen, ob meine Übertragung  zeitlich passt sowie die Einheiten spotten – also den Timecode von Anfang und Ende anpassen.

2. Qualität durch 4-Augen-Prinzip
Das exportierte Skript geht als Word-Dokument an die zweite Übersetzerin. So stellen wir das 4-Augen-Prinzip sicher.

3. Korrekturschleife mit Auftraggebendem
Leichte Sprache macht Dinge explizit, die im Original nur zwischen den Zeilen mitschwingen. Nicht immer soll es aber so klar sein, oder nicht immer interpretieren wir korrekt die Intentionen. Deshalb schaut bei jedem Auftrag auch der Auftraggebende über das Skript.

4. Prüfschleife von Hörskript
Damit das Skript nicht zweimal eingesprochen werden muss, geht der Text vorher in die Prüfgruppe – wir prüfen also insgesamt zweimal. Hierfür treffen wir uns per Zoom-Konferenz. Perfekt ist es, wenn wir das Video ohne Tonspur der Sprecher*innen, aber mit Atmo erhalten. Andernfalls teilt die Prüfmoderatorin das Video ohne Ton. Dann spricht sie das Skript simultan mit. Erst einmal komplett, um das Gesamtverständnis zu prüfen, dann abschnittsweise.

5. Einarbeiten der Prüfergebnisse und Endredaktion
Dieser Punkt erklärt sich selbst, denke ich.

6. Einsprechen
Das geprüfte Hörskript wird dann von einer oder mehreren Personen eingesprochen.

7. Korrekturschleife der Tonspur
Wir Übersetzerinnen überprüfen die Betonung. Manchmal werden dann einzelne Einheiten erneut eingesprochen.

8. Zusammenschneiden
Die Tontechniker verbinden Video mit Tonspur.

9. Prüfschleife von fertigem Video
Dann testet die Prüfgruppe noch einmal das fertige Video. Hier testen wir zum Beispiel das Ein- und Ausblenden des Originaltons.

Fertig ist das Video mit Voiceover-Tonspur.

Zusätzlich Untertitel oder Fließtext?

Voiceover in Leichter Sprache hilft zum Beispiel Menschen mit Lernschwierigkeiten oder auch Menschen, die Deutsch gerade erst lernen. Aber auch viele hörgeschädigte Menschen haben Schwierigkeiten mit komplexer Lautsprache – und nicht alle nutzen Gebärdensprache. Für sie können Untertitel, zusätzlich zum Voiceover, hilfreich sein.Zudem können Untertitel das Hörverständnis zusätzlich unterstützen.

Deshalb können zusätzlich Untertitel oder ein Fließtext zum Video sinnvoll sein. Im Folgenden ein paar Gedanken zu den beiden Möglichkeiten.

Untertitel

Wir lesen grundsätzlich langsamer als wir hören. Bei den Zielgruppen von Leichter oder Einfacher Sprache ist das noch mehr so. Das bedeutet, dass die Untertitel sehr reduziert sein müssen, damit die Lesegeschwindigkeit niedrig bleibt. Das bedeutet auch, dass das Hörskript nicht direkt als Untertitel eingefügt werden kann, sondern extra erstellt werden muss.

Fließtext zum Video

Der Fließtext hat den Vorteil, dass er in Ruhe gelesen werden kann und nicht zusammengefasst werden muss. Der Nachteil ist, dass die visuellen Informationen aus dem Video fehlen, die oft beim Verstehen helfen. Außerdem funktioniert diese Form nicht auf YouTube oder Vimeo, sondern nur auf Websites oder in Mediatheken.

Wichtig ist: Genauso wenig wie die Untertitel kann das Hörskript direkt als Text veröffentlicht werden. Denn oft sind Hinweise enthalten wie „Hier sehen Sie …“, die nur im Video verständlich sind und im schriftlichen Text anders gelöst werden müssen.

Sollen Informationen deshalb zusätzlich in schriftlicher Form angeboten werden, empfehle ich Untertitel, weil sie zusammen mit dem Video funktionieren.

Voiceover als Chance für mehr Barrierefreiheit

Menschen mit Leseschwierigkeiten suchen sich logischerweise Wege, das Lesen zu umgehen. Sie rezipieren Informationen daher vorwiegend durch Fernsehen oder Radio. Auch Podcast und Hörbücher sind beliebt. Voiceover in Leichter Sprache ist deshalb eine große Chance, um Menschen mit Bedarf nach verständlicher Sprache Zugänge zu audiovisuellen Medien zu ermöglichen. Nutzen wir diese Chance!

 

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